Auf ein KunstWort ...

Die Idee des "KunstWortes" faszinierte mich sofort, als sie unvermittelt während eines Schaffensprozesses aus heiterem Himmel auf mich herabfiel. Der Eindruck war so überwältigend, dass ich sofort anfing, Bildernamen direkt in die Bilder einzubringen und gedanklich Texte zu verfassen, während ich malte. Mehr noch: es entstand eine Doppeldeutigkeit des doppeldeutigen Begriffes "Kunst-Wort".

Die sich daraus ergebenen unzähligen Spielarten "KunstWort" zu verstehen, treibe ich momentan in zwei Richtungen voran. 

Zum Einen entstanden Texte über die Hintergründe und Gedankengänge zu einer Arbeit. Wobei die ursprüngliche Ambivalenz zwischen gemalter und geschriebener Kunst den ungeheuren Reiz ausübte, beides in einem Werk zusammenzuführen. Das Resultat verstehe ich als interdisziplinäre Kunst, die versucht unterschiedliche Ausdrucks- und Denkmöglichkeiten des Menschen miteinander zu verbinden. Ein größeres Ganzes ist das Ziel.

Zum Anderen sind KunstWorte künstlich kreierte Worte, die als Kunst an sich verstehbar sind. Sie sind artifiziell – d. h. sie entsprechen nicht dem natürlichen Wortsinn. Es entstehen Bildnamen wie "SchnurrBart", "SombreroSause" oder "GlücksFall". Ein Bart, der schnurrt und ein Glück, das fällt? Unsinnig oder Sinnhaft? Die Mischung macht es. Ich nenne diese Art der KunstWorte deshalb gern: "Sinniger Unsinn für Vergnügte". Seine verborgene Vieldeutig- und Vielschichtigkeit machen letztlich den Charme aus, der mich selbst immer wieder überrascht und belustigt, wenn sich ein neues Wort-Bild-Spiel offenbart.

Immer wieder neu von der KunstWortIdee inspiriert, entstand im Laufe der Zeit eine äußere und innere Dualität aus "BilderSprache" und "SprachBilder". Beide ergänzen sich für mich auf die gleiche fabelhafte Weise wie sich das scheinbare Gegensatzpaar "Herz und Verstand" ergänzen. Alle zusammen umfassen erst die Ausdrucksstärke eines Menschen: Bild und Sprache äußerlich – Herz und Verstand innerlich. Menschen wollen fühlen UND verstehen! Erst "Licht für das Gemüt, Liebe für das Herz, Begreifen für den Verstand" (G. v. Purucker) bringen die Harmonie, die einen zufriedenen, vollkommeneren Menschen ausmacht und die "ideale Kunst" ermöglicht.

Unabhängig davon, was "ideale Kunst" ist, ob ein Kunstwerk an sich gefällt oder nicht gefällt, steht im Raum, ob es auch verstanden wird. Wohl fühlend, das Kunst an sich schon Sprache ist, bleibt für den Betrachter nicht selten die Frage: Was will mir der Künstler sagen? Will er mir überhaupt etwas sagen? Möchte ich, dass er mir was sagt? Fremdartigkeit und Unverständnis lassen manchen Kunstgenießer zurückweichen und ehrliches Interesse schlagartig verstummen.

Spätestens dann bedarf die Unmittelbarkeit der Kunst, Worte, die gegenständlich BeGreifbares auf eine feinstofflichere Gedankenebene transformieren. Wir müssen wissen, was wir sehen, um es zu erkennen. Oder wir erkennen nur das, was wir schon wissen. Ganz so wie Schönheit im Auge des Betrachters liegt.

Ähnliches gilt für Sprache. Obwohl wir einen Text immer wieder lesen, bleibt die eigentliche Aussage des Schreibers hin und wieder diffus im Dunkeln. Wir haben keinen Zugang, weil wir gedanklich nicht von unserer Bushaltestelle abgeholt werden, an der wir gerade stehen. Oder der Texter schwebt im ungünstigsten Fall in seiner Fachwelt, die der Allgemeinheit als Buch mit sieben Siegeln verschlossen bleibt. Genau dann braucht Sprache Bilder. Bilder, die Emotionen wecken, schwer Verständliches transformieren und vereinfachen. Bilder, die jene Barrieren in unsern Köpfen überwinden, die aus Abstraktionen und Unwissenheit erbaut sind. Bildhafte Sprache löst Verknotungen im Gehirn. Es befreit vom intellektuellen Ballast. Empfindungen in unseren Herzen erwachen und führen zu neuen Assoziationen, die uns ein tieferes Verstehen schenken. Sprache wird vorstellbar. Verstehen und Einsehen werden beschleunigt. Empfindsamkeit und Empathie gewinnen an Raum und machen das Gesagte lebendig und nachvollziehbar. Gedankenhorizonte weiten sich ...

So wundervoll sich Kunst und Worte ergänzen – weil sie in ihrer Essenz eins sind – bleiben "KunstWorte" am Ende auch gemeinsam unvollkommen. Sie sind beide "nur die Transformation einer dahinter liegenden Idee" und daher begrenzt. Unabhängig wie sehr ich als Künstlerin nach einem vollkommen Kunstwerk strebe oder die perfekte Formulierung suche. Die ideelle Vollkommenheit lässt sich so wenig wie die Unendlichkeit und andauernde Zufriedenheit fassen.

Wir erahnen sie vielleicht, wenn wir ein Gemälde Leonardo's mit dem Herzen betrachten oder weise Worte eines großen Denkers die Pforte aus unserer Begrenztheit einen kleinen Spalt öffnen...

Marion Irma Viktoria Pusch, 2014

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Genesis: Wie ein Werk entsteht ...

Schreiben ist ebenso ein schöpferischer Prozess wie das Fertigen eines Kunstwerkes aus gegenständlichen Materialien. Kunst und Sprache bilden daher für mich eine enge Symbiose und Einheit schöpferischen Tuns. Wahrhaftige Kunstwerke erlebe ich als die unbewusste Manifestation intuitiver Gedanken. Das gilt für Wort, Skulptur oder Bild gleichermaßen.

Am Anfang steht immer die Idee. Ob nebulös-diffus oder glasklar – in jedem Fall drängt sie sich der Künstlernatur unerbittlich auf. Bis sie schließlich im kreativen Prozess als ein Kunstwerk und Ergebnis einer Transformation aus den inneren unsichtbaren Bereichen unseres Seins hervor fließt. Texte, Werknamen, Formen und Farben finden sich allmählich, wie sich jede Kreation in der Natur allmählich bildet und nicht durch einen "Urknall" plötzlich entsteht. Eine Fülle von Ideen strömt ein, wird umgesetzt und verworfen bis ein Text, ein KunstWort, eine Skulptur, eine Zeichnung, ein Einfall oder ein Gemälde als sichtbares Ergebnis harter Arbeit endlich geboren wird. Einmal mehr wird erlebbar: der Mensch ist und bleibt ein Ingenium - ein schöpferischer Geist! Und er will seinen "geschöpften" Gedanken eine Form geben und sie anderen begreifbar machen, sie teilhaben lassen, um Impulse zu setzen. 

Marion Irma Viktoria Pusch, 2014